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Dekan Olliver Zobel über Einschnitte und Chancen der Corona-Krise für die Kirche

„Wir werden noch lange mit den Folgen zu tun haben“

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Interview mit Dekan Olliver Zobel

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Herr Zobel, wie beeinflusst die Corona-Krise derzeit Ihren Arbeitsalltag im Dekanat?

Hier in der Dekanatsverwaltung in Nieder-Olm ist es sehr ruhig geworden, denn wir haben – wie alle Verwaltungen – unseren Publikumsverkehr eingestellt. Das ist schon sehr ungewohnt: Keine Konferenzen oder Dienstbesprechungen mehr, keine auswärtigen Termine – stattdessen telefoniere ich viel, schreibe viel mehr Mails als sonst, kommuniziere per Video-Konferenz oder über Chat-Portale. Schließlich geht es in dieser Zeit der Veränderung darum, die tägliche Informationsflut zu sichten und zu kanalisieren. Wir wollen als Dekanat die Arbeit in den Gemeinden möglichst optimal unterstützen und bewerben. Denn auch in den Gemeinden hat sich in sehr kurzer Zeit ganz viel getan: So viele tolle Ideen und Aktionen sind entwickelt worden. Gleichzeitig müssen wir aber auch unsere Mitarbeitenden im Blick haben, weil in dieser Krise die Gefahr der Überforderung groß ist. Ich glaube nämlich, dass wir noch sehr lange mit den Folgen des Corona-Virus zu tun haben werden.

Herr Zobel, was trägt Sie als Theologe persönlich durch diese schwierigen Corona-Zeiten?

Mich stimmt im Moment besonders zuversichtlich, dass das Osterfest kurz bevorsteht. Dessen zentrale Aussage ist nämlich: Das Leben siegt! Das ist nicht nur als ein Appell zum Durchhalten gedacht. Es ist auch ein Versprechen, dass Gott dieser Welt und uns Menschen durch die Auferstehung gegeben hat.

Aus diesem Grund haben wir auch unsere Ostergruß-Karte, die von unseren Kirchengemeinden zu Ostern verteilt werden kann, dieses Leitwort gegeben. 

Manch einer nimmt ja jetzt die Bibel zur Hand und viele haben einen Lieblingspsalm. Haben Sie da auch einen Favoriten? Und warum?

Ich bete in diesen Tagen immer mal wieder mit den Worten des 121. Psalms – das ist ein Psalm eines Pilgers, der sich Sorgen macht, ob er den Weg hoch nach Jerusalem schafft. Und dann tritt ein lieber Freund zu ihm und sagt: Du schaffst das, denn Gott wird Dich begleiten „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“

Mir tut es gut, mich zu erinnern: Du bist nicht allein. Verstärkt wird für mich dieses Gefühl noch durch das Glockenläuten in unseren Gemeinden – meist um 19:30 Uhr – denn es ruft uns Gläubige nicht nur zum Gebet auf, sondern es schafft auch ein Gemeinschaftsgefühl.

Welches Feedback bekommen Sie im Moment aus den Gemeinden zu den Folgen der Corona-Krise?

Als Seelsorger nehme ich natürlich wahr, dass viele Menschen besorgt sind und sich fragen, ob und wie wir das alles hinbekommen werden. Gerade das „Zuhause-bleiben-müssen“ fordert doch viele heraus. Eltern müssen mit ihren Kindern klarkommen – was oft ganz schön an Nerven und Kräften zehren kann. Ältere Menschen sitzen alleine in ihrer Wohnung und kommen so schnell auf trübsinnige Gedanken.

Andererseits erlebe ich in dieser Situation auch viele tolle Angebote in den Kirchengemeinden, sei es nun, um beim Einkauf zu helfen oder um einfach füreinander da zu sein. Jugendmitarbeitende veranstalten per Video-Konferenz mit ihren Jugendlichen Spiele-Abende, Kolleginnen bringen ihren Gemeindemitgliedern persönliche Grüße vorbei und reden mit den Menschen über den Gartenzaun – mit zwei Meter Abstand natürlich. Unsere Dekanatsmitarbeitenden haben Seelsorge- und Beratungstelefone geschaltet. Außerdem haben wir unsere Dekanatswebsite um viele Informationen zum Thema „Corona“ erweitert und werden jetzt jeden Freitag auf Youtube eine Andacht ins Netz stellen.

Welche Einschnitte gibt es derzeit im Gemeindeleben und welche wird es noch geben?

Es musste so vieles abgesagt werden, seien es nun Gottesdienste, Kirchenvorstands-Meetings, Gemeindefeste, Ehrungen oder die unzähligen Gruppen und Kreise, die unsere Gemeinden pflegen. Das trifft das Gemeindeleben schwer. Viele Überlegungen und Vorbereitungen sind nun Makulatur und auch finanziell wird diese Krise für uns zu einer Herausforderung werden. Und was mich aber derzeit vor allem bewegt, ist die Frage, wie wir mit den Konfirmationsgottesdiensten umgehen sollen, die ja verstärkt für den Mai und Juni geplant sind. Nach reiflicher Überlegung empfehlen wir den Kirchengemeinden die Konfirmationen auf die Zeit nach den Sommerferien zu verschieben. Es ist für mich einfach nicht vorstellbar, dass wir im Mai schon wieder in übervollen Kirchen mit Menschen aus ganz Deutschland sitzen können. Auch werden wir im Mai / Juni wohl erst einmal damit zu tun haben, den Alltag wieder neu unter die Füße zu bekommen.

Viele Menschen fragen sich jetzt auch, wie wohl in nächster Zeit die Beerdigungen gefeiert werden ...

Zurzeit ist nur eine Beerdigung am Grab im kleinen Kreis möglich. Das vorbereitende Gespräch wird per Telefon geführt. Deswegen bieten viele Pfarrerinnen und Pfarrer den Angehörigen an, dass sie mit ihnen einen Gedenkgottesdienst für den Verstorbenen feiern können, wenn dies wieder möglich sein wird. Wir hoffen, dass das einzelne Gedenkgottesdienste sein werden und wir nicht durch die Zahl der Verstorbenen gezwungen sein werden, sie zusammen zu fassen.

Wo sehen Sie jetzt Probleme auf unsere Gesellschaft zukommen?

Die meisten Probleme sehe ich für die Menschen, die auf konkrete Hilfe angewiesen sind. Unsere „Tafeln“ müssen gerade schließen – gewiss arbeiten sie an Lösungen, aber das kann nicht alles auffangen. Außerdem trifft es gerade die Menschen mit geringen Einkommen, wenn Betriebe geschlossen oder Veranstaltungen nicht stattfinden können. Unsere Bundesregierung legt da gerade ein wichtiges Hilfsprogramm auf. Doch – wie immer – werden Menschen durch unsere sozialen Netze fallen – für die müssen wir nach der Corona-Krise da sein, für sie die Stimme erheben und versuchen, ihnen mit unseren Möglichkeiten zu helfen.

Gibt es für Sie auch Lichtblicke?

Max Frisch hat einmal gesagt: Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Genau das ist die Herausforderung und der begegnen viele Menschen einfach nur klasse. Gewiss haben sich am Anfang manche Menschen etwas zu zögerlich an die Anweisungen der Landesregierung gehalten. Auch von manch‘ schwarzen Schafen wurde berichtet. Aber viel mehr erlebe ich an vielen Punkten sehr verantwortliche Mitbürgerinnen und Mitbürger. Menschen, die versuchen, sich gegenseitig weiterhin im Blick zu behalten. Ich bin oft beeindruckt, was für ein Engagement und welche Kreativität gerade deutlich wird. 

Sehen Sie langfristige Konsequenzen für die Kirche durch die Corona-Krise?

Die Krise zwingt uns jetzt dazu, vieles auszuprobieren. Wir wissen noch nicht, welche Konsequenzen das haben wird: Gottesdienste wandern ins Internet, neue Formen von Netzwerken entstehen, die Arbeit mit Jugendlichen über neue Medien gewinnt an Fahrt. Gewiss werden wir uns das nach der Krise in Ruhe noch einmal anschauen und bewerten. Ich erhoffe mir aber, dass es in einigen Bereichen durch diese Krise einen positiven Schub im Veränderungsprozess der Kirche geben wird.

Trotzdem erleben wir aber auch gerade schmerzlich, was uns fehlt und am Herzen liegt. Doch auch das ist letztlich eine gute Erfahrung, denn es kann uns Mut und Kraft geben, uns gerade in diesen Feldern weiter zu engagieren und so für die Menschen in unserer Region da zu sein.

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